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Die Kommunikation des Aufstands

 

Als Marie Rotkopf, die erste Hälfte des Mitglieds von l’Internationale Surplace, mich gefragt hat, ob ich einen Text über die Gruppe schreiben könnte, war ich eigentlich nur halb überrascht. Unser erstes Treffen fand nach dem Auftritt von Lanzmann im Übel und Gefährlich statt. Frau Rotkopf hatte mich gebeten, dass unsere Begegnung unter uns bleibt. Aus ihrer totalen Verachtung für den Popjournalismus machte sie keinen Hehl. Im Gegenteil, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass ich in der Redaktion von Spex tätig bin, schüttete sie mir ihren Sekt Aperol auf mein Blackberry. Um nicht als Antisemit zu gelten, schwieg ich. Man weiss ja wie schwierig es ist, als Deutscher eine saubere Haltung zum Nahostkonflikt zu haben. Man weiss auch wie empfindlich die Juden sind, wenn man über die Kulturindustrie spricht. Und obwohl wir scheinbar als Feinde auseinander gingen, reichte ich ihr meine Visitenkarte, nachdem sie sich trotzdem entschuldigte. Einige Zeit danach besuchte ich eine Ausstellung der Gruppe, und wir redeten nochmal zusammen, auch mit Daniel Megerle, der zweiten Hälfte. Natürlich nicht über Politik. Sondern über Kunst und ihre Vermittlung. Wir sprechen über die kommende Ausstellung.

"Die Kommunikation des Aufstands" und wie sich das Konzept von Paradies, Purgatorium und Hölle durch die Räume ziehen. Das Paradies wird durch den Durchgang des Purgatoriums erreicht, was hier die Zerstörung der bestehenden Welt meint. Da das Paradies als Natur gedacht ist, jedoch Zyklen unterworfen und dadurch instabil ist, fällt der abendländische Mensch in seiner Erwartungshaltung in die Hölle einer absurden Hoffnung zurück, wie dies auch von Giorgio Agamben in seiner Figur des homo sacer formuliert worden ist. Auch in der derzeitigen Systemkrise des postfordistischen Kapitalverwertungsmodells scheint dieser geschichtsteleologische Imperativ auf, wie mir von den beiden versichert worden ist.

Ich denke nun, zweieinhalb Jahre nach der Wahl von Barack Hussein Obama, die als grosser change im globalen Popdiskurs -one groove, one nation- gehandelt wurde, dass der point of no return im Niedergang nicht nur von Detroit erreicht scheint. Die black power der Negation der riots in den amerikanischen Vorstadtsiedlungen, geht als Aschewolke in den banlieus von Tripolis nieder. Und das Aschemonster von Island befindet sich jetzt in Fukushima. Genau.

Adel verpflichtet. Aus diesem Grund formuliert Internationale Surplace seine Inhalte in den derzeit international verhandelten ästhetischen Diskurs-Parametern. Sie läuten das Revival der 90’er ein und rufen mit Paul Feyerabend: Anything goes! Hier ist nun -wenn ich das mal so formulieren darf- Schicht im Schacht für den formalistischen neo romantic-Eskapismus der Nullerjahre. Fotografie trifft auf Skulptur; digitale slideshow auf Bleistiftzeichnung. Eine force de frappe direkt aus den postavantgardistischen Schützengräben zwischen den globalisierten Schlachtfeldern der Kulturelite.

"Internationale Surplace" übersetzt sich mit auf der Stelle treten. Dies meint die Betonung auf die gegenwärtige Realität. Man kann nicht wissen wie die Zukunft sein wird. Ob der gegenwärtige Zustand ein Fort- oder Rückschritt ist, oder ob es letztlich eh nur einen status quo gibt.“, meint Megerle. Rotkopf hingegen: „Nachdem ich das Interview im Katalog zur Ausstellung The elephant behind the clown zwischen Herrn Tal R und Herrn Florian Waldvogel gelesen habe, wurde mir klar, wohin die Zirkuswelt geht, von der die Künstler träumen. Aber das weiss nur ich.“

Text: Max Dax

2011-2015

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TOLERANZ

 

ihr liebt Simone de Beauvoir und Claude Cahun
Suff und Situationismus
Gender und Gentrification
ihr seid die Wilden in Berlin, Paris oder London

in Amerika ist dies längst nicht mehr möglich,
aber ihr redet immer noch lächelnd, über New York
über Los Angeles

der Fakt ist,
dass ihr eine Mischung seid aus Eva Braun, Judith Butler und Yoko Ono

mit euren Tagen des anders Sein-Wollens
in euren freien Ghettos

ihr merkt es nicht
eure Referenzen,
eure Wiederholungen,
eure Kreistänze

heutzutage

ihr habt Angst vor allem

vor den anderen Frauen

Vor allem vor
dem Hass auf euch selbst

schade für euch

schade für die Männer

Angst vor
der Zerstörung
so wie eure Großväter, die es getan haben
so wie eure Großmütter, die Stripperinnen,
aber nicht der Seelen ihrer eigenen Mütter

vor allem aber vor
dem Humor
weil ihr keinen habt
weil ihr frigide Christen seid
oder weitsichtige Künstlerinnen

ihr verwechselt,
Wut mit Selbsthass
Buddhismus und Salon

so wie ihr an die Ehrlichkeit der NGO's glaubt
glaubt ihr nicht an Alice Schwarzer
glaubt ihr an die Verbindung zwischen Sexualität und Feminismus
im Jahr 2012 in den Europäischen Metropolen

ihr habt wieder die Mauer errichtet
schaut euch eure Stylelesben an

eure Phantasien
obwohl ihr euch nie trauen würdet
und für gewöhnlichen Sex braucht ihr Erklärungen

die Erklärungen von Guy Debord und Charlotte Roche,
die Feuchtgebiete des Spektakels
die überholte Gesellschaftskritik läuft immer gut rein,
nur dass Mademoiselle Roche ihre Tochter nach dem Modell ihrer Mutter erzieht
und Debord der Vater von uns allen ist,
der seinen Frauen auf der Tasche gelegen hat

ihr seid nicht fähig Politik zu machen
dafür habt ihr die Grünen
und denkt, dass Politik nicht mit Kommunikationsdesign und PR verbunden ist
sonst würdet ihr diese Partei nicht ernst nehmen

ihr wollt Natur, Reinheit und Protofaschismus

und denkt, dass das Leben nicht schwarz und nicht weiß ist
deine Stelle hast du aber nur bekommen, weil du mit den Professoren befreundet bist
und ohne Kaiserschnitt wärst du schon längst gestorben

ihr habt Angst vor Solidarität
weil ihr sie nicht wollt

ihr wollt nur die Macht
als Ersatz für Liebe und Sex, den ihr nicht habt

ihr seid Streberinnen

heimlich wollt ihr Huren sein
manchmal -
wenn ihr keine Mütter seid
so seid ihr dennoch keine Jungfrauen
mainstream und konservativ
seid ihr
wie Sofia Coppola
vergewaltigt von ihrem Vater

ihr macht Ausstellungen, die ihr „Elles“, also „Sie“ nennt im Centre Georges Pompidou
und zitiert parallel Foucault

ihr versteht eure Referenzen nicht
und träumt von modernistischen Heldinnen
die nichts zu zeigen haben
außer ihren nationalistischen Komplexen
und die Gesichter ihrer abwesenden Väter

ihr habt vergessen,
dass Männer homosexuell sind

wie Marguerite Duras es gesagt hat

und ihr habt Angst davor
euch zu lieben

obwohl

ihr so viel akzeptiert

ihr seid die Heldinnen der Toleranz

ihr akzeptiert Leute wie Christoph Schlingensief, der sich in Burkina Faso für eine alternative NGO hält,
und Benzin auf die Tische der Touristen gießt, wie eine von den Tausenden kleinen schwarzen Mädchen, um die Fliegen zu vertreiben,
egal wie es ihnen auch gehen mag

ihr nennt das Theater, wie die Eliten und die Touristen – was das selbe ist- und ihr seid im Endeffekt nur Fliegen
der Preis ist an ihn posthum verliehen worden und es wundert niemand,
weil ihr das seid

Ihr wollt die Frauen in Iran befreien, aber nicht in Saudi-Arabien,
denn sie haben das Öl
das schwarze Gold
dass von der NATO geschützt wird

ihr werdet wie Yukio Mishima enden
ein Weichei mit Muckis
der sich ein öffentliches Hara Kiri gegönnt hat
und ihr macht immer noch
Yoga

ihr seid harmlos
und komisch
ihr solltet lernen
anders zu atmen

was ihr bei Männern, oder Homosexuellen, oder Transexuellen toleriert,
würdet ihr nicht bei einer heterosexuellen Frau akzeptieren

solange ihr politisch-korrekt in eurer Blase bleibt,
werdet ihr nie Gleichberechtigung und Feminismus aussprechen können

Simone de Beauvoir habt ihr nie gelesen
wie wäre es sonst möglich
dass ihr mit dieser adligen Ritze einverstanden seid

ihr möchtet lieber in Ouagadougous Straßen spazieren gehen, als im Café de Flore
zu sitzen
wie hier im Golem oder auf Kampnagel

Ja -
wo ist die Grenze

ihr findet es normal, dass Adlige mit Stolz den Namen des Vaters tragen

und habt nichts weiter zu sagen
obwohl die Unterwerfung andauert

weil ihr nicht mehr wisst, wie Feminismus beginnt

Angela Davis lebt noch,

ihr toleriert die Polithure Michelle Obama und die Weltordnungsdiktatur ihres Ehemanns
weil ihr nicht eure Poplinken Freunde verletzen wollt

ihr habt verdrängt, dass sich feministische Fragen zu stellen, mit Ökonomie und Laizität anfängt.

ihr akzeptiert die adlige Haltung
und staunt über das Getue der Dandys
weil ihr im Grunde gerne gleichzeitig
die Schlossherrin spielen würdet,
und unsere Gesellschaft ins Zweifeln bringen möchtet

ihr wisst nicht,
wo und wer eure Feinde sind

ihr seid traurig

ihr seid die Mehrheit

und

ihr seid peinlich

 

© Marie Rotkopf

Gelesen in Kampnagel, Hamburg
Musik von Onur Burgaz

http://www.kampnagel.de/de/programm/archiv/?rubrik=archiv&detail=1039  

 

 


EUGENIKWINTER

 

Als treudeutscher Protestant
mit streng preußischen Genomen
tröte ich durch den Blätterwald als Elefant
im Feuilleton integriert man Macht in Idiomen

In Hinterzimmern feilt man an Parteien
Blut und Knochen; Rhetorik und Geld
Barrikaden wie Fallgitter werden euch entzweien
Gummischurz mit Flecktarn; deutsche Blutwurst in alle Welt

Integration nennt sich die gefräßige Amöbe
Fremdkörper aus Furcht vor dem eigenen Land
Im Labor Deutschland züchtet man das Blöde
Der Vater heißt Krieg –  die Sprache entfacht den Brand

 

Der von Thilo Sarrazin prognostizierte Niedergang Deutschlands meint eigentlich die tief sitzenden Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg.
Dies ist der Kern seiner Thesen.
Und es wirkt wie eine konzertierte Aktion, wenn im Haus der Bundespressekonferenz-welches dem Allianz-Konzern gehört-, sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ vorgestellt wird, das bei DVA erscheint (Rupert Murdochs´ Random House) und im Vorfeld massiv in der Springer-Presse und im SPIEGEL („Sturmgeschütz des Neoliberalismus“)die Propagandatrommel gerührt wurde.

Deutschland im Abendlicht *

* So sollte ursprünglich der Titel heissen, laut einem Interview mit Sarrazin bei Deutschlandradio.

Mission accomplished. Und mit goldenem Fallschirm abgesichert auf Mallorca landen.
Dort kommt Sarrazin Bundespräsident Wulff nicht in die Quere.

Die Zelle teilt sich und kopiert die konservativen Inhalte, um sie in der entstandenen Zelle neu zu gruppieren.
Sie nennt sich NLKU – National-Liberale Konservative Union.

Zwei Jahre nach dem Lehman Brothers Desaster und den immer weiter aufklaffenden Abgründen in der HRE Bank, muss endlich der Blitzableiter angelegt werden, um dem Volkszorn beizukommen.
Ein Krieg muss her; das Kleinbürgertum rüttelt am Tor von Bellevue.
Die potemkinschen Dörfer wollen nicht mehr wachsen; die Blasen schrumpfen.
Aus Stagnation wird Permafrost; schon sammeln sich die Wölfe.

Durch die anhaltende weltweite Krise steht der hart erarbeitete Wohlstand in den Industrienationen auf der Kippe.
Wird China weiter wachsen, um die Defizitkonjunktur in den USA zu stützen?

Um die unteren Ränge von den höher hängenden Fleischtöpfen fernzuhalten, bedarf es einer Legitimationsstrategie, welche durch Sarrazin, Heinsohn, Henkel, Dohnanyi, Koch und Co. geliefert wird.
Der größte Raubzug aller Zeiten braucht seine ideologische Flankierung.
Auch linksrheinisch werden mit Eifer die Methoden für die Abbrucharbeiten am Sozialstaat und der Solidargemeinschaft aus Berlin übernommen.
Schon driften die Bevölkerungen in Belgien und Spanien auseinander.
Die Studentenhackfresse als Nationalsymbolismus
Der dampfende Stierkopf gebettet auf Separatismussumpfblüten
Die Stiefel hämmern auf das Pflaster;
Die Totschläger wäscht man in der Donau

Oberprekariat

Die Integration in die Oberschicht verläuft über das Erbe und die Erziehung.
Auf den entsprechenden privaten Erziehungseinrichtungen werden die sozialen Fertigkeiten vermittelt.
Mit diesen Kodierungen steht die durchsichtige Grenze zur Mittelschicht und den „bildungsfernen“ Schichten.
Die Mittelschicht mit gehobenem Einkommen möchte sich ihren Status erhalten oder ihn nach Oben ausbauen, und befürchtet durch den Kontakt ihres Nachwuchses mit benachteiligten Kindern aus dem „Prekariat“ diesen Anschluss zu verlieren.
Die Illusion des Aufstiegs mit dem Fahrstuhl in die leer geräumte Etage muss aufrecht erhalten werden.
Deshalb die Ablehnung des gemeinsamen Lernens in der Ganztagsschule; Mutter gibt nachmittags besonderen Nachhilfeunterricht in gutem Benehmen; man strebt nach dem humanistischen Bildungsideal.

Von der Theorie zur Tat

All dies ist nicht neu. Thilo Sarrazin betet nach, was von sozialdemokratischen und völkischen Rassenhygienikern in ähnlicher Weise seit Anfang des 20. Jahrhunderts verbreitet worden ist.
Schon vor mehr als hundert Jahren verbreiteten sich in wissenschaftlichen Kreisen Theorien über Vererbung und Hygiene, welche auf die unteren Schichten angewendet, das Massenelend des in den urbanen Zentren lebenden Industrieproletariats nicht mehr ökonomisch und sozial aufgefasst hat.
Vielmehr setzte sich eine Sichtweise durch, die eine Degeneration rein durch Vererbung, Alkohol, Prostitution, Geschlechtskrankheiten etc. behauptete, und Elemente wie schlechte Ernährung, Verarmung, harte Arbeitsbedingungen etc. ausklammerte.
Der Blick verschob sich vom Individuum, welchem bis dahin unveräußerliche Qualitäten wie die Menschenwürde zugeschrieben wurden, in Richtung eines aus der Darwinschen Theorie entlehnten Gattungsbegriffs. Der organische „Volkskörper“ sollte von allen „erblichen Minderwertigen“ gereinigt werden, da dies die natürliche Zuchtwahl hemmen würde.
Der aus der Darwinschen Theorie kommende Begriff „fitness“ (= Angepasstheit) wurde durch die wertenden Begriffe „Tüchtigkeit“ oder „Tauglichkeit“ ersetzt. Hier werden soziale Hierarchien biologisiert. Es erscheint eben als natürlich, dass der „Tüchtige“ oben erscheint.
Diese Verschiebung in der Interpretation  -der damals sich noch nicht durchgesetzten Theorien von Darwin- von einer progressiv-demokratischen (allgemeine Verbesserung durch Evolution und wissenschaftlich- technischen Fortschritt) hin zu einer reaktionär-aristokratischen Deutung des politisierten Inhalts, sollte einerseits gesellschaftliche Ursachen sozialer Probleme verschleiern, aber auch die bestehenden Verhältnisse zu verklären helfen.

Auch im Europa des Jahres 2010 werden eugenische und rassistisch-anthropologische Elemente in die Diskussion um Migration, Sozialstaat und Gesundheitswesen eingeführt, welche zuvor jahrzehntelang im Schatten des nationalistisch-völkischen Untergrundes versteckt waren. Im Zuge der sich verschärfenden gesellschaftlichen Verwerfungen, wo weite Teile des Bürgertums sich ihres Status nicht mehr sicher sein können, werden auch Maßnahmen akzeptiert, welche für einen Großteil der Bevölkerung die Teilhabe am Wohlstand unmöglich machen sollen.
Die nach dem II. Weltkrieg durchlässiger gewordenen sozialen Schichten sondern sich von Jahr zu Jahr mehr ab. Schon spricht man von einem wiederkehrenden feudalen oder auch postdemokratischen System, in welchem sich der Zugang zu Hochtechnologie, Bildung und Gesundheitsvorsorge nach dem Einkommen und dem Vermögen richtet.
Besonders die liberalen und demokratischen Staaten -wie beispielsweise die Schweiz, Dänemark und die Niederlande- sind eifrig damit beschäftigt strenge Einwanderungsbestimmungen zu erlassen und den Sozialstaat zu demontieren. Selbst in Frankreich -dem Mutterland der Menschenrechte- werden neuerdings wieder verschiedene Kategorien von Menschen ausgemacht. Der Präsident hat die Brandrede dazu in Grenoble gehalten, und erhält -wie Sarrazin hierzulande- entsprechenden Applaus von Rechtsaußen.
(Durch die Schaffung des Kosovo können nun die Regierungen von Bulgarien, Rumänien, Frankreich und Deutschland gemeinsam die Abschiebungen von Zigeunern organisieren.)

EUGENIK

„Erhaltung der Rassentüchtigkeit“ versus „Lehre von der Gleichheit aller Menschen“

Der Begriff der Eugenik wurde durch den britischen Forscher Francis Galton (1822-1911) im Jahre 1883 geprägt.
Eugenik meint die „Wissensschaft vom guten Erbe“. In Deutschland hat sie sich vornehmlich durch die Bezeichnung „Rassenhygiene“ verbreitet. Man kann sie als Vorläuferin der modernen Humangenetik betrachten.
Die Idee, dass man die Gesetze der Zucht, von der Pflanzen- und Tierwelt auf die Menschheit übertragen kann, reicht zurück bis in das Altertum. Jedoch erst durch den Rationalisierungsprozeß in Europa nach der Französischen Revolution fand sie allgemeinere Verbreitung.
(z.B. Fortschrittsglaube bei den Saint-Simonisten)
Als „positive Eugenik“ wird die Vorstellung von der Verbesserung des Erbguts durch züchterische Maßnahmen bezeichnet.
Die „negative Eugenik“ hingegen ist die Beseitigung des „schlechten“ Erbguts aus dem Genpool. Die Orientierung am Genpool relativiert den Wert der Individualität.

Die Eugenik stieß erst in den 1890´er Jahren auf ein vermehrtes Interesse in Deutschland.
Die Hauptvertreter sind Alfred Ploetz (1860-1940), Alfred Grotjahn (1869-1931) und Wilhelm Schallmayer (1857-1919).

Ploetz gründet schon als Primaner einen Geheimbund zur „Ertüchtigung der Rasse“ und begeistert sich für das Gedankengut von Ernst Haeckel.
In den 1880´er Jahren beginnt er sich mit dem utopischen Sozialismus (Robert Owen/Etienne Cabet) auseinander zu setzen und liest Cabets´ „Reise nach Ikarien“.
Er reist sogar in die USA, um vor Ort diese Kommunen zu studieren. Doch nach dem Besuch der Ikarier in Iowa wendet er sich enttäuscht ab, da seiner Meinung nach zu wenig auf den „Rassegedanken“ geachtet wird und die Kolonien zu schwärmerisch-religiös sind.
Während der Zeit der „Sozialistengesetze“ (1878 -1890) flüchtet er in die liberale Schweiz.
Bei dem Psychiater Auguste Forel (1848-1931) setzt er seine Studien fort. Es bildet sich ein Freundeskreis um Forel, wo über Rassenhygiene, die Befreiung der Frau und den schädlichen Einfluss von Alkohol debattiert wird.
1883 gründet Ploetz mit Freunden den Verein „Pacific“, mit der Idee eine auf rassehygienischen Prinzipien aufgebaute Kolonie in Südamerika zu bilden.
Nach der Jahrhundertwende gründet er 1905 in Berlin die „Gesellschaft für Rassenhygiene“. Auch der Dramatiker Gerhard Hauptmann war Mitglied.
Ploetz macht später Karriere -wie auch G. Hauptmann- im „Dritten Reich“.
Von Hitler wird er 1936 zum Professor ernannt und im selben Jahr sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen(!). 1937 tritt er dann in die NSDAP ein. Die Überlegungen aus der „Rassenhygienischen Gesellschaft“ fließen ein in das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Ploetz erweist sich hier als Vordenker der Euthanasie.

Ein weiterer Vertreter ist Alfred Grotjahn (1869-1931). Er begründet die „Soziale Hygiene“ mit seiner Schrift „Soziale Pathologie“(1912).
Er ist sowohl Mitglied in der „Gesellschaft für Rassenhygiene“, als auch SPD-Mitglied.
Auf dem Görlitzer Parteitag (1922) verfasst er den gesundheitspolitschen Abschnitt des Parteiprogramms.
Mit seiner 1926 erschienenen Schrift „Hygiene der menschlichen Fortpflanzung“ zeigt er sich als einer der radikalsten Eugeniker der Weimarer Republik. Dort tritt er für die „planmäßige Ausmerzung durch Verwahrung und Zwangsunfruchtbarmachung“ erblich Belasteter ein. Erfordert auch die Rationalisierung der menschlichen Fortpflanzung.
Die Zwangssterilisierung sollte Schwachsinnige, Epileptiker, Alkoholiker und Krüppel umfassen.
„Reinigung der menschlichen Gesellschaft von Kranken, Hässlichen und Minderwertigen“.
Die sozialistische Eugenik versteht sich als Abgrenzung zum Sozialdarwinismus („Kampf ums Dasein“) und zur Rassenanthropologie („Kraniologie“)

Willibald Hentschel hingegen träumte von ländlichen Zuchtgemeinschaften mit jeweils 1000 Frauen und 100 Männern. Die Monogamie sollte durch ein polygames System ersetzt werden, wo Männer und Frauen jeweils nur bis zur Schwangerschaft zusammen bleiben sollten.
Hier sollte eine Rasse von Blauäugigen und Blonden gezüchtet werden.
Hierfür gründete er den „Mittgartbund“. Seine Ideen verfasste er in der 1911 verfassten Schrift „Mittgart. Ein Weg zur Erneuerung der germanischen Rasse“. Er gehörte zur „Nordischen Bewegung“ und beeinflusste auch die völkische Bewegung in ihren Siedlungsprojekten („Siedlung Donnershag“).

Eugenische Sterilisationspolitik in Europa und den USA nach dem I. Weltkrieg

Die Eugenik verbreitete sich vor allem in den skandinavischen Ländern.
1929 führte Dänemark eugenische Maßnahmen ein. 1934-´35 folgen Schweden, Norwegen und Finnland. 1937-´38 folgen dann Island und Lettland.
Diese Staaten wurden (sozial)demokratisch regiert.
In Schweden wurden zwischen 1934 -1948 bis zu 12.000 Personen zwangssterilisiert.
In den USA wurden von 1907 -1939 schätzungsweise 31.000 Personen einer Zwangssterilisation unterzogen. Erst im Jahre 1974 endeten diese Programme.

Aber auch auf anderem Wege kann man eugenische Maßnahmen durch setzen.
Darunter fällt die rigorose Einwanderungspolitik -besonders gegen illegale Einwanderer aus Mexiko-, und das von Bill Clinton 1997 verabschiedete Gesetz welches die Sozialhilfe auf 5 Jahre begrenzt. Man könnte dies auch als Beschäftigungsprogramm für die private Gefängnisindustrie betrachten.
Besonders rabiat sind die Schweizer Behörden gegen sogenannte „Fahrende“ -in der Schweiz als „Jenische“ bezeichnet- vorgegangen.
Das Programm „Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse“ wurde 1926 gestartet und dauerte bis ins Jahr 1972 an. Den Eltern wurden ihre „jenischen“ Kinder weggenommen, ins Heim gesteckt oder in Pflegefamilien untergebracht.
Auch wurden Zwangssterilisationen durchgeführt.
Dadurch sollte die „fahrende Lebensweise“ zerstört und „bürgerliche Ordnungs- und Sauberkeitsvorstellungen“ durchgesetzt werden.
Erst 1972 im Zuge der Studentenbewegung wurden diese Fälle durch die Schweizer Medien aufgedeckt. Insgesamt waren 600 Kinder von diesen Maßnahmen betroffen.

Desintegration

Nationalpark Germania
Mythengruft und Opferhain
Flakturm und Philosophenzirkel
Büchergilde Biedermeier

Nationale Erregung der
Schutzzölle
Leitkulturen
Expertenrunden

Nach Jahrzehnten des Aufstiegs
Zeigt sich der Reichtum als Chimäre
Alles Bluff!
Akkumulations – Nihilismus

Nationale Erregung der
Schutzzölle
Leitkulturen
Expertenrunden

Ökonomische Streitmacht
eilt dem Weltadel zu Hilfe
Militär errichtet die transparente Mauer
um das thyrrenische Meer

Die Boote voll faulender Algen
Vor Sizilien sieht man Schädel leuchten
Ein Frachter mit Edelmetall zieht vorbei
In Telefonen begraben sieht man es nicht blinken

Kontinentalplatten driften auseinander
Tausend Kilometer Todesstreifen
Armeen ziehen sich zusammen
Bär und Drache und Phönix

2010

BUNKER

oder
Alles ist wahr

 

Eine Beschreibung des Abends vom 18. Januar 2010 im Uebel und Gefährlich, Hamburg.

 

Zuerst einmal, versuche ich Cordula zu erreichen, eine deutsche Freundin, deren Großvater Polizeibeamter war, die auf mich in der Schlange wartet. Ich blicke sie entlang und würde gerne bekannte Gesichter sehen. Es fällt Schnee und es gibt viel zu viele Leute, mein Unwohlsein wird durch diese Vision noch stärker, doch rufen mich Peter und Yohana, sie stehen neben dem Eingang. Ich rede mit ihnen, sie sind sehr aufgeregt. Juden aus Hamburg sind sie, und sie wollen Claude Lanzmann sprechen sehen. Am Anfang der Ereignisse, hatte mich Yohana genau davor gewarnt, sie, welche die autonome und linke Szene der Stadt gut kennt. Sie wollte auf keinen Fall etwas mit diesen traditionellen Streitereien zu tun haben, mit solchen Leute die es lieben, sich auf das Maul zu hauen. Und die Sache auch nicht aufzublähen, was meistens weder den Juden, noch der konstruktiven Debatte dient.
Es sollte steril werden, so war es auch.
Die Presse, die mehr als einen Monat später über es geschrieben hat. Die verschiedenen Aktionen, darunter die Demo am 13. Dezember 2009, die vor dem B-Movie stattgefunden hatte, mit der gleichen Anzahl von Polizisten wie Demonstranten. In diesem Kino konnte Warum Israel nicht gezeigt werden, aufgrund einer anti-israelischen und Juden-hassenden, von Rot-braunen angeführten Operation.
Und der letzte, der Höhepunkt, an diesem 18. Januar 2010. Claude Lanzmann selbst nach Hamburg in der Club Uebel und Gefährlich einzuladen, in dieses Hauptquartier der Popkultur, und die passenden Leute dazu.
Da war ich noch mal, ich wollte es mit meinen eigenen Augen sehen.

Endlich finde ich Cordula am Ende der Schlange, ich führte sie zum Eingang, stellte sie meinen zwei anderen Freunden vor, die sie nicht kannte. Man schwatzte, grüßte Bekannte des Kunstmilieus, und stellte fest, dass es sich hier um junge Leute handelte, die europäisch-modisch angekleidet sind, bürgerliche Intellektuelle, überwiegend.
Ich bin nicht mehr in Belleville, Paris, am Ende der 90’er. Hier existiert das Generationen- und Völkergemisch selten und hat es zudem fast nie gegeben.
Einer der Türsteher nimmt schnell ein Mikro und informiert uns, dass es keine Karten mehr gibt. Er fügt noch hinzu „Kein Eintritt mehr möglich, sie können nach Hause gehen.“.
Das Drama nimmt seinen Lauf, weil wir unbedingt die Debatte sehen wollten. Der Film, das war nicht so wichtig, wir kennen alle seinen Inhalt, außer Cordula. Dreißig Minuten vergehen, während dessen Peter und Yohana, bitter enttäuscht, versuchen, ihre Beziehungen zu nutzen, um rein zukommen. Wir sehen Leute, die im Vorverkauf erworbene Tickets in der Hand haben, oder die auf der Guestlist sind, und durch die Tür eintreten. So ein alter Bekannter Yohanas aus dem Schauspielhaus, Ted Gaier, Musiker der Popband Die Goldenen Zitronen, sagte zu ihr, er sei auf der Liste, aber könne ihr nicht helfen.
Wir entscheiden uns in einer Bar nebenan aufzuwärmen. Um zu wissen, ob ja oder nein, warten wir die drei Stunden der Filmvorführung ab, um zu versuchen, danach die Debatte anzuschauen.

Noch in der Raucher-Ecke sitzend, kam eine Debatte zwischen uns auf, genauer zwischen Peter und mir, darüber ob die Deutschen ihre jüdischen Probleme unter einander klären sollen, oder, mit ihnen.
Seiner Meinung nach, sollen sie es allein entwirren. Er hat mehr Erfahrung als ich, besonders auch deshalb weil er ein Deutscher aus Hamburg ist. Wenn sie immer noch Schwierigkeiten damit haben, sollen sie es allein regeln, das ist doch eine deutsche Frage.
Ich wünsche mir, dass es mehr Juden bei diesen grundlegenden Diskussionen gibt. Das entdiabolisiert die Beziehungen, im Sinn: sie werden mehr real, weniger phantasmatisch sein.
Noch muss man einen Juden dafür finden, aber nicht den Vorzeige Juden. Die Deutschen kennen keine Juden, sagt Cordula, und sie weiß wovon sie spricht, sie, die sich in den institutionellen künstlerisch-intellektuellen Kreisen bewegt. Darüber hinaus, seitdem wir Freundinnen sind, beschreibt sie mich auch als Jüdin, das hat sie mir einmal gesagt. Das ist mir im Land meiner Staatsangehörigkeit und meiner Geburt niemals geschehen, obwohl Frankreich viel zu verstecken hat. Halb-Jüdin, habe ich in einen Lächeln geantwortet, die schlimmsten, so wie Costa-Gavras in seinem Film Z erzählt.

Dann sprach Yohana über die Ansichten bei manchen deutschen Linken, über die manichäischen Diskurse, die immer im Gange sind. Cordula hörte neugierig zu, es ist im Künstlerpopmainstreammilieu selten, dass man klar über Politik redet. Und wir kamen auf die erste Frage zurück, werden wir bis 22Uhr30 warten, um zu versuchen, in den WK II-Bunker einzudringen?
Cordula insistierte plötzlich, es wäre sicherlich nicht nötig, es zu testen, sie hätten doch strenge Maßnahmen ergriffen, da niemand zur Debatte mehr reinkommt, und es sowieso keine richtige Debatte mehr sei, also fast keine, um aufrichtig zu sein, denn es war ganz genau im newsletter festgesetzt, dass das Publikum nicht an der Diskussion teilnehmen dürfe.
Wir schauten uns mit Yohana an, sprachlos. Nie hätten wir mit dieser verblüffenden Nachricht gerechnet. Naiv?

Tatsächlich dachte ich, dass Lanzmann eine Unterhaltung mit dem Publikum führen würde, moderiert von irgendwelchen bekannten Menschen auf dem Podium.
Aber scheinbar handelte es sich um einen Runden Tisch auf einem Podium, die Zuschauer gegenüber.
Eine Konversation  zwischen Lanzmann, ein Mann Hermann Gremliza genannt, der andere Klaus Theweleit, das Ensemble von Max Dax der Zeitschrift Spex moderiert, dessen Seiten Lanzmann scheinbar nie geöffnet hat, leider. Denn wäre dem so gewesen, dann hätte er voraussichtlich diese blöde und falsche Begegnung boykottiert.
Dass der Regisseur von Shoah nach Hamburg kommen wollte, um seinen Film und sein Leben zu verteidigen, stark und mutig immerhin war es.
An diese banalisierende Zeitschrift denkend, glatt und oberflächlich wie die im Niedergang begriffene anglo-amerikanische Kulturindustrie, die Pop-Kultur und einen neoliberalen- apolitischen Konsens predigend, da politisch korrekt. So dass ich mir vorstelle, Lanzmann war schlecht beraten, um hierher zu kommen.

Peter und Yohana entschließen sich, heim zu kehren, Cordula und ich gingen in eine andere Bar.
Um 23Uhr waren wir vor dem Bunker, und trafen dort ein homosexuelles Paar, das sich die Hände hielt und sich einige Worte ins Ohr flüsterte.
Ich schleiche mich zu ihnen und frage ob sie auch Lanzmann sehen wollen.
Ja, und wir nahmen zusammen den Lift, Richtung 4. Stock. Vor der engen Pendeltür des Clubs empfing uns ein Türsteher, der eine Militär-Schirmmütze trug. Ruhig, bekannte er uns, dass er Anweisungen habe, und dass niemand reinkommen würde. Der Raum war voll, die Diskussion hatte gerade angefangen. Das Paar stieg nach unten, wir blieben, höflich insistierend, während dessen zwei Personen aus der Tür raus gingen. Es fing schon an sich zu leeren, aber das Recht einzutreten hatten wir nicht.
Verdrossen, nahmen wir wieder den Fahrstuhl, dann unsere Schritte den gefrorenen Schnee.

Eventuell dank der beiden Sekt-Aperol, meinte ich zu Cordula, „komm, wir gehen wieder hoch!“. Und just hatte ich einen schwarz angezogenen Mann gesehen, der wie ein Journalist aussah, und an uns vorübergegangen war, um nach oben zu kommen.
Im Lift, starrte man sich an. Ich hatte diesen Mann schon mal irgendwo getroffen. Und umgekehrt.
Man fragte den Türsteher wieder, ob wir rein könnten, er lehnte es ab, und der braunhaarigen Mann stellte sich vor uns und zeigte plötzlich seine Pressekarte. Ich hatte genau dies erwartet, was dann so auch geschah.
Der Türsteher behauptete, es würde keinen Unterschied machen und es war ihm sowieso verboten, uns rein zu lassen.

Der Journalist saß auf einer Stufe nebenan und checkte was auf seinem i-phone. Vier Personen gingen raus und wir entschieden uns mit Cordula, die Leute zu befragen, da wir ja nicht zum Gespräch durchkommen würden. Die jungen Menschen langweilten sich, zu warm war es drin, Lanzmann hielt einen Monolog über sein Leben, sie wollten eine Besprechung, die Übersetzung dazu nahm jedoch viel zu viel Zeit in Anspruch, der Film hatte drei Stunden lang gedauert.
Sie verstanden nicht, warum es uns nicht erlaubt war, reinzukommen.
Einer von Ihnen reichte uns seine Eintrittskarte und dachte dabei, es würde uns helfen.
Niemals wurde nach Geld gefragt, der Eintritt aber kostete zehn Euro und es wurde ein kommerzieller Coup.
Wir versuchten es noch einmal, aber man musste sich eines anderen belehren lassen. Der Hüter, der Wächter, der Portier war stärker als wir.

Der Journalist stand plötzlich auf und kam zu mir, ich sagte ihm, dass ich ihn schon mal gesehen habe... ja, es ist mir wieder eingefallen... er war ein Freund von Bashe von der Salomon Birnbaum Gesellschaft und sie hat ihn mir während der Demo vor dem B-Movie vorgestellt, als er gefilmt hat.
Er erinnerte sich. Mir gegenüber, vor Cordula und dem Aufseher, fing er an, mir Fragen zu stellen. Wer ich bin, ob ich in Hamburg wohne, was ich mache, woher ich komme, und ob ich Jüdin bin.
Auf alles antwortete ich, mitgenommen von seinem Verhör. Hamburg gefällt mir sehr, ich befinde mich dort seit dem Sommer 2006, meine Familie kam aus Polen und Russland, mein Vater ist im Januar 1943 an der spanischen Grenze geboren, weil meine Großmutter, als sie schwanger war, aus Paris und aus le Lot flüchten musste, um in den Bergen der Pyrenäen anzudocken, ich bin in Paris geboren.
Der Türsteher guckte uns alle drei an, und gab dann Bescheid, dass wir rein durften.

Im Zentrum des Saals, inmitten der Reihe, warteten drei nebeneinander stehende leere Plätze auf uns.
Ich bin ganz Ohr, suchte mit den Augen alles ab. Lanzmann sitzt auf einem Sessel auf der linken Seite der Szenerie, seine Übersetzerin nebenan zu seiner Rechten auf einem Stuhl und die drei Männer rechts von der Bühne. Der Raum ist deutlich getrennt.
Ich habe Angst, dass die Dolmetscherin nicht korrekt übersetzt.
Was mich erstmal überrascht hat, nachdem ich mich an alles gewöhnen musste, war die Majestät von Lanzmann, die zarte Silhouette der Frau und ihre Mäuschenstimme, und der geschlossen geformte Block der drei Gesprächspartner, aus dem nur eine Realität raussickert:Unbehagen, möglicherweise Furcht.
Übrigens sagte Hermann Gremliza, ihm sei zu warm, er kann auch nicht reden, deswegen schreibt er normalerweise, und seine Anwesenheit sei auch schon ein Akt. Gleich wird er seine Meinung äußern, versteckte Frage: „es gibt die Stimmen der Palästinenser in ihrem Film nicht, das fehlt mir, außerdem reden sie über sie nicht.“. Allerdings. Lanzmann antwortete, als ob H. Gremliza sich in der Person getäuscht hatte, „ja, ich mache israelisches Kino, wenn sie palästinensische Stimmen hören wollen, schauen sie doch palästinensisches Kino an. Ich kann nur gut über israelische Stimmen reden, man kann nicht alles vermischen, denn wenn man versucht, die Stimmen zu vermischen, im Name des Friedens, dann sieht man was geschieht, so wie bei Amos Gitaï, es ergibt schlechtes Kino.“. Als ob seine Diskussionspartner ihn nicht verstehen würde, fügte er am Ende hinzu, „wenn sie etwas anderes sehen wollen, fragen sie doch einen Araber, um den Film zu machen!“.
Die deutsche Presse hat kürzlich das Verhalten von Lanzmann generell als süffisant abgewogen.
Komisch, wie so oft, hängt alles davon ab, von wo aus man die Dinge betrachtet. Das wollte Lanzmann ausdrücken.
Was ist daran süffisant, dass er eine traurige Wirklichkeit bestätigt oder dass der Deutsche Max Dax daneben mit diesem Rätsel es weiterführte: „warum gibt es kein Fragezeichen nach dem Titel ihres Films Warum Israel?“ und „ich glaube, ich habe ihn schon irgendwo mit einen Fragezeichen gesehen bzw. gelesen.“?

Mir war richtig heiß und ich zog meinen Mantel mühselig aus, der gentleman Journalist nahm die Initiative um mir bei dieser Aufgabe zu helfen. Als Zeugin von so viel Dämlichkeit, stand ich auf und saß an der Theke, bestellte mir ein Jever. Lanzmann hatte keinen Kopf, Fragezeichen zu setzen, das war es, was er zuvorkommend dem jungen Mann sagte. Es tat mir weh dies zu sehen, wie er erklären musste, sein Titel sei eine Affirmation, er stellte diese Frage nicht, und ja, wenn er das hören wollte, falls sie es hören wollen, er habe nicht die Existenz Israels zu rechtfertigen und er wird es auch nicht tun. Er schließt seine Antwort ab mit diesen Wortern: „ich bin nicht Spielberg.“, welche die Übersetzerin einmal mit einem munteren Ton aussprach, ohne das Ende der Sätze zu verschlucken. Bestimmt dachte sie, alle könnten das verstehen, tatsächlich lachten ein paar und es würde das einziges Mal sein, dass es eine Reaktion in den Zuhörerschaft gab.
Auf die Anfrage, was Lanzmann über das Geschehen dachte, über die Aktion der Gruppierung SoL (Sozialistische Linke), die die Aufführung seines ersten Films verhindert hatte, wird er einfach antworten, dass er diese Rot-braunen schon von früher kenne, und dass es natürlich unerträglich ist.
Über den Streit mit den Antideutschen von Kritikmaximierung, die Organisatoren und die andere Gruppe, sogenannter Linksextremer, wurde nicht gesprochen, weder dass sie sich um denselben Ort seit Jahren zanken, noch dass weder die Einen noch die Anderen Linke sind.
Letztlich der Fakt, dass nicht darüber gesprochen wurde, war sicherlich die einzige kluge Tat an diesem Abend.

Die neue aktuelle Sensation wird glücklicherweise nicht in Frage gestellt, welche mit der baldigen Erscheinung seiner Memoiren Der patagonische Hase in Deutschland aufgetaucht ist.
Ein Artikel in der Zeitung „Die Welt“ warnte und redete von einer historischen Verfälschung, die in diesem Buch stehen soll. Lanzmann äußert sich über die Nazi-Bürokratie und das braune Netz, welches inmitten von der Freien Universität von Berlin regierte. Ein Historiker (vielleicht stammt er aus der selben Familie wie diese ehemaligen Nazis und inkriminierten Professoren?) rief den Skandal aus.
Sollen wir wieder beweisen, im Jahr 2010, dass es kaum eine Entnazifizierung in den beiden Deutschlands gab, außer die Mustergültigen, und dass die Amerikaner die besiegten Nazis ausgenutzt haben, -so leicht unterdrückbar-, zum Beispiel um ihre anti-kommunistische Propaganda zu verbreiten?

Offensichtlich hatte Lanzmann genug. Die anderen auch. Sie senkten die Stirne und niemand hatte sich mehr etwas zu sagen. In so kurzer Zeit, denn die Diskussion hatte weniger als eine Stunde gedauert.
Er sagte „ich habe die Nase voll von euren Gesprächen, von diesen Diskussionen“.Er wollte aufstehen. „das interessiert mich nicht, ich habe die Schnauze voll“. Die Frau neben ihm übersetzt „ich habe keine Lust mehr“.
Alle wollten gehen. Kein Dankeswort an Lanzmann. Man war damit fertig. Sie standen auf.
Ich rannte zur Bühne, stellte mich vor Lanzmann und konnte mich nicht davon abhalten, ihm zu sagen: „sie hätten nicht kommen sollen. Sie verstehen es nicht. Sie werden es nie verstehen...“
Die Dolmetscherin sah mich an wie ein geprügelter Hund, ich fühlte mich verpflichtet hinzuzufügen „nein, das ist nicht wegen der Übersetzung...“.
„Jetzt gehen wir saufen!“rief Lanzmann aus, vor mir nun umgeben von zwei offiziellen strebsamen Franzosen, die angekrochen kamen. Ich drückte die fast fertige Flasche Jever in meine linke Hand und brach sofort auf.

Die coolen Leute gingen aus dem Saal und ich sagte mir, nein, Lanzmann zum Glück, es ist nicht cool.
Cordula wartete auf mich vor der Tür, ich drehte mich zum Türsteher, bevor wir den 4. Stock verließen: „Danke! es ist gut, was du gemacht hast!“, „Ich verstehe kein französisch!“antwortete er.
Ich sage es auf deutsch wieder, damit er diese Nacht den Schlaf der Gerechten schlief, man sagte dem Journalister Tschüss im Lift, und stürzte sich in die U-Bahn hinein.

1947 lebte Lanzmann in Deutschland, um die deutschen in Zivil zu sehen. Mein Vater auch, ein paar Jahren danach, in München, um zu sehen, wie sie lebten. Viel später, in der breiten und sauberen Straße von Eimsbüttel, denke ich nach, den Kinderwagen schiebend, Lanzmann hat recht, solange ich mich weigere, es zu verstehen, wird das Leben vor mir stehen.
Immerhin wird es endlich Zeit sein, dass ich sie mir stelle, diese Frage, und sie auch, warum Deutschland?

2010

BRDDR

 

 
Hiess es nicht nach dem Zerfall des Ostblocks, dies sei das Ende der Geschichte mit dem grossen G, welche davor doch nur vom historischen Materialismus nach dem Verschwinden der Klassengegensätze verkündet worden war?
Die Verheissung von dauernd ansteigendem Wohlstand, von grenzenloser Freiheit im Abendland der nicht mehr untergehenden Sonne.
Der Kreis schien sich zu schliessen.

Wie hämisch und überlegen gab man sich doch in den 90er Jahren.
Waren wir nun nicht vollkommen frei?

Doch ein allgemeines Unbehagen aus dem Kalten Krieg blieb zurück, weil die Angst so ungreifbar wurde--
konnte man sie von nun an nur in der Hoffnung auf die totale Vernichtung ertragen.

1986 war man sich nicht mehr im Klaren darüber, ob die Bedrohung eher durch den Russen,
oder die Radioaktivität grösser war.

Lag sie nicht vielmehr darin, dass nach der Gründung der BRD und der Verabschiedung des Grundgesetzes von konservativen Kräften versucht wurde....
wieder einen Obrikeitsstaat nach preußischem Muster durch die Hintertür mittels Notstandsgesetzgebung und Radikalenerlass zu installieren, gegründet auf dem Fundament von Arbeit, Familie und Religion?

Oder kam sie doch viel mehr vom verseuchten Salat und vergifteten Leitungswasser?

 

Zukünftig:

Nie hätte man sich erträumt, dass der präventive Überwachungsstaat für eine überwältigende Mehrheit solch eine Erleichterung darstellen würde, da er nun einem allzu lästige Entscheidungen beim Einkaufen, der Freizeitgestaltung, am Arbeitsplatz oder bei der Partnersuche abnimmt.  

 

Die Diktatur lächelt einem überall entgegen, voll mannigfacher Möglichkeiten.

 

 

 

 

BRDDR II

 

Der Dämon aus Karl-Marx-Stadt

 

Die Dämonen des Kalten Krieges sollen durch die politisch instrumentalisierte Doktrin des Totalitarismus ausgetrieben werden, massiv betrieben von Ex- Linken und Neu- Rechten beiderseits des Rheins.

Das verfolgt den Zweck: radikale Kritik an Staat, Gesellschaft und Ökonomie total in die Marginalität zu entsorgen.

„Links“ und „Rechts“ sind extrem.
Warum sitzt die FDP im Bundestag dann rechts aussen, und nicht in der Mitte?

„Totalitär“ soll verschleiern, dass die von der Verfassung garantierten Grundrechte von den Parteien der „Mitte“ jederzeit bei Bedarf ausser Kraft gesetzt werden können.
An diesem Schleier wird jeden Tag weitergewebt, nicht nur im Feuilleton, sondern indem man dieses Sprechen internalisiert und weitergibt.

Die Totalitarismusdoktrin: Hier soll die DDR mit dem „Dritten Reich“ gleichgesetzt werden, was logischerweise zu einer Relativierung der Naziverbrechen führen muss.
Stasi = Gestapo; Bautzen = Bergen- Belsen etc.

Gleichzeitig soll der Wähler vor die Entscheidung zwischen Freiheit oder Sozialismus gestellt werden. Die freie bzw. soziale Marktwirtschaft als einzig denkbare Wirtschaftstheorie.
Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung.

 

Krieg ist Frieden

Armut ist Arbeit

 

Politik und Medien greifen auf die bis in die Kaiserzeit zurück reichende Kommunistenparanoia zurück, um alteingesessene Ängste in der Mittelschicht zu aktivieren:

Der Verfall der Nation, die Auflösung der Familien und die Zersetzung der Religion.

 

Heute geht die echte Gefahr von denen aus, welche schon an der Macht sind und um diese Macht samt ihrer Privilegien durch Aushöhlung von Grundrechten und der Verfassung vor Angriffen zu schützen.

Und nicht etwa unsere Freiheit.
Diese wird nicht am Hindukusch verteidigt.
Sondern hier und heute.
Und überall und übermorgen.

 

 

 

 

Während zum 20. Jahrestag des Mauerfalls von der friedlichen Revolution geschwärmt wurde, wird gleichzeitig eine schleichende Reform betrieben.
Der Bundespräsident möchte zunehmende Machtbefugnisse für sich in Anspruch nehmen.
Schon wird hinter den Kulissen der Umbau des Wahlrechts betrieben.

Der Krieg aussen -  und der Krieg innen.
Die Grenzen werden von den Nebelgranaten der monde diplomatique verwischt.

 

Alles nur zu eurem Besten!

Es kommt nicht die gerechte grüne faire Weltmarktwirtschaft.
Es kommt die blutig-eiserne Rückkehr des Nationalstaates, welcher im Auftrag multinationaler Firmen- und Bankkonglomerate, um deren Absatzmärkte und Rohstoffquellen zu sichern, an allen Ecken und Enden aufflackernde  Kriege führen wird.
Da werden wie zu Kaisers Zeiten willkürliche Grenzen durch Länder gezogen.

 

Jeden Morgen wälzt man sich aus dem Bett, in der Hoffnung es könnte besser werden.
Ein neuer Job, um nach oben zu kommen, damit man die Beinfreiheit hat nach unten zu treten.
Eine neue Wahl
Ein neuer Streik
Eine neue Revolution

um sich immer wieder Hoffnung machen zu können.

2010

                                                                           

NATUR UND GEHEUL


Zwischen Mitternacht und ein Uhr, am Ende von Bachzimmern, aber schon im Wald, hunderte Schritte gelaufen, noch nicht tausende, aber komplett dunkel, schwarz sozusagen, nicht ganz Schwarzwald, ganz nah aber, ein anderer Wald, mit Fichten und Tannenbäumen, mit Hügeln und Pfaden, mit Kiesel, Moos, Moos auf den Ästen, Moos auf den Steinen, mit vertrockneten, abgestorbenen Baumstämmen auf dem Boden, die Erde ist nass, manchmal, nicht immer, der deutsche Wald aber, feucht, die deutsche Natur, und immer bereit, weiches Loch, verlorenes Loch der Welt, die unsterbliche und uralte Natur, uralt und unendlich, wie die leuchtenden, strahlenden Spuren der Sonne, spielend durch die Baumwipfel, Sonne gab es aber nicht, und die Spuren, sogar auf dem Weg, waren unsichtbar, die Nacht war stockfinster, es war genau zwölf Uhr zwanzig, die Zahl des Tieres, wir trugen Laternen, selbst gebastelte, eine Flasche mit einer Kerze drin, wir redeten ziemlich viel, weil die Nacht so dunkel war, weil wir Menschen im deutschen Wald waren, denn wir wussten es, wir hatten es gehört, du hattest es kapiert, ich hatte es verstanden, wir wollten es nicht sagen, es kam aus der Tiefe, die Tiefe war nah, und so regelmässig, vielleicht warst du der erste, der es ausgedrückt hat, vielleicht musste es auch so sein, weil du in meinen Augen gelesen hattest, dieses Geräusch, da, neben uns, eine Klage, die schrie, was war das, was war das hast du gefragt, was ist das habe ich angewortet, und ein Echo dazu, das nichts mit unserer Beklemmung zu tun hatte, weil wir es nun wussten, ein Geräusch, das sich lauter und immer lauter ausbreitete, in Wellen wiederkehrend, wir hörten zu, wir hörten dir zu, mit deinem weinenden Klang, ein tierischer Ton, der sich auch metallisch anhörte, du wolltest das, du wolltest es sehr, das haben wir zumindest verstanden, oh ja, du wolltest es, dass wir dich wahrnehmen, natürlich warst du real, wirklich standest du in unserer Nähe, du brauchst keine Angst zu haben, wir fürchteten uns, ich sagte, lass uns abhauen, auf unserem Weg zurückkehren, wir starrten uns an, nach einer Pause hast du gesagt, nein, stärker sind wir, ich dachte, stimmt, Menschen sind wir, ich nahm deine Hand, stark warst du, stark war ich auch, vorwärts und geradeaus sind wir wieder gelaufen, und du, du metallisches Tier, du hast unsere Kraft gespürt, und deine Stimme ist rauh geworden, das Echo ist verhallt, als ob du weggehen wolltest, einmal nur habe ich mich umgedreht, ich habe dich aber nicht gesehen, ich hatte immer noch Angst, wir marschierten, hast du Angst vor uns gehabt, warst du böse, warst du die Ewigkeit, warst du übermächtig, warst du gut, hast du Mitleid mit uns gehabt, hast du geweint, hast du uns geliebt, mit deinen gewaltigen Sinnen, und uns am Leben gelassen, weil du von uns berührt warst, so dass du erschüttert warst, von unserer Furcht, von unserer menschlichen Furcht, warst du menschlich, oder warst schwach, warst du schwächer als wir, im Endeffekt, warst du nicht einfach ein Wolf, ein ganz normaler metallischer Wolf, hast du uns so gut gespürt, dass du ganz schnell wusstest, wie dein eigener Tod aussehen wird, das heisst, wie du von uns zerquetscht wirst, in kleine Stücke zerschnitten, von uns, mit dem Glas der Flaschen der selbstgebastelten Laternen, und egal, ob wir danach Blut an unseren Händen hätten.

2007




SALZ DER HELDEN


A wie Austrofaschismus
B wie Bevölkerung
C wie Christlichsozial
D wie Denk mit!
E wie Elisabeth Reichart
F wie Felsbunker
G wie Grosseltern
H wie Heldinnen
I wie Ideologien
J wie Jura Soyfer
K wie Krude Allianz
L wie Leoben-Donawitz
M wie Mitgliederzahl
N wie Nazi
O wie Opfer
P wie Partisanentätigkeit
Q wie Qual
R wie Rote Armee
S wie Schule
T wie Terror
U wie Unsichtbarkeit
V wie Volksgedächtnis
W wie wissenschaftliches Erinnern
X wie X
Y wie Ybbs an der Donau
Z wie Zaundürr

Für Astoria, die nie existiert hat.


»Less well known is the paradox of tolerance: Unlimited tolerance must lead to the disappearance of tolerance. If we extend unlimited tolerance even to those who are intolerant, if we are not prepared to defend a tolerant society against the onslaught of the intolerant, then the tolerant will be destroyed, and tolerance with them. (...) we should claim the right to suppress them if necessary even by force.«
The Paradox of Tolerance, Karl Popper, The Open Society and Its Enemies

Österreich als unsichtbare Heimat. Man warnt mich. Deutschland ist nicht Österreich; auch während des zweiten Weltkrieges. Wovor warnt man mich? Vor Dummheit oder vor einem Amalgam, was noch schlimmer ist? Man droht vor meinen geöffneten Augen mit dem wissenschaftlichen Erinnern, wie man auch eine Fahne schwenken könnte?

Widerstand gegen Heimat. Heimat ist nur mein Bauch. Zaundürr wie mein Grossonkel. Als er von der Roten Armee befreit wurde. In der Mitte das doppelte Gesicht der Berge. Januar 1943 bombardierten die Alliierten Hamburg. Sichtbarer Widerstand. Gut und gerecht. Aber wahrscheinlich nicht so stark, wie das was meine Grossmutter getan hat, zur selben Zeit: meinen Vater gebären, unsichtbar, in den französisch-spanischen Bergen. Worüber kann ich ehrlich reden? Wovon kann man überhaupt wahrlich schreiben? Wofür weiss man doch fast immer. Ein Widerstandskämpfer ist kein Historiker. Und umgekehrt. Aber das lernt man nicht in der Schule. Die Mitgliederzahl ist schwer zu schätzen, oft bleibt nur die populistische Geschichtserzählung. Widerstand ist Widerstand gegen die Bevölkerung. Die Unsichtbarkeit des Widerstandes zeigt mir erst was in meinen Adern abläuft: das Blut der Ideologien hindert mich nicht daran, die Feinde zu lieben. Es ist sichtbar, mehr und mehr, wenn ich in einem vollgestopften Bus stehe, bietet man mir ganz zuvorkommend einen Platz an. Wer sind diese netten Leute denn? Partisanen oder Volk? Unsichtbar bleibt unsichtbar, genauso ist es unnötig, blind zu sein, um nichts zu verstehen. Nicht mit den Worten spielen.
Dafür hätte man mir den Kopf rasiert. Oder noch viel mehr. Wohin deine Phantasie dich führt. Vielleicht. In einem Felsbunker vergewaltigt. Du wie vogelfrei. Wie und wo kann ich mich verstecken? Würdet ihr mir helfen? Aber natürlich. Zwischen Opfern.

Der Bus überquert die Strasse in Leoben. Zum Glück gab es die KommunistInnen. Morgen nehme ich den Zug, um meine Österreich-Tour weiterzuführen.

Durch das Fenster erkenne ich schon die kleine Stadt. Von Strobl kenne ich nur Ingrid und die Heldinnen. Sieht aber sehr schön aus auf der Fotografie, am Ufer des Wolfgangsees. Am Nachmittag gehe ich spazieren. Durch die Pfade, Igel sammeln und sie nach Hause mitnehmen: am Besten die, die pieksen, und die Natur einatmen, für die Zukunft, die ich in mir trage, unsere Gedanken stürzen hinab, unser Fleisch wird im See abgewaschen. Die Logik der Gehorsamkeit ist viel schlimmer als der Hass. Es war aber keine Gehorsamkeit. Die Menschen des Landes haben darauf gewartet, schon vorher alles eingeübt und zugestimmt. Gemeinsames Interesse vereinigt auch die gesellschaftlichen Schichten. Und die Rückkehr des Landes Kindes.
Widerstand ist: die Symbole nicht umzudrehen.

Warum schon wieder über Qual, Terror, Austrofaschismus und Nazismus reden.
Es gibt doch auch einen neuen Tannensaft, siebzig Jahre später, der durch die Berghänge hinabfliesst, ein flüssiges Salz, das Salz der Helden.


Der Text ist im Katalog unSICHTBAR widerständiges im salzkammergut, Landesausstellungsbeitrag 2008 in Strobl, Österreich, erschienen.




Das Tao der Kartoffel


Viele sind Vegetarier
Ein paar Veganer
Fruktarier sind auch zu finden
Ich arbeite aber,
um Kartoffelfrei zu sein.

Mein Ziel ist,
eine neue Religion zu kreieren,
die zornig und dialektisch ist,
ohne die Minorität zu teilen
weil ich davon träume,

die ganze Welt zu retten

Ich habe hohe Ansprüche
weil ich grosse Erwartungen habe

Ich glaube an die Menschen
und ich bin
ein Humanist

Ich werde

die Bewegung des Tao der Kartoffel gründen

und sie um mich versammeln

die Menschen von Gestern
die Menschen von Heute
die Menschen von Morgen

Die umgekehrte Uhr wächst in die ökologische Erde.

2007

 

POLITIK DER ANGST

 

Barack Hussein Obama ist der letzte Präsident der USA.

Im Jahr 2013 wird der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika einen gewaltigen Krieg entfachen, um den drohenden Staatsbankrott abzuwenden.

Bis dorthin muss er Afghanistan befrieden.

Da der Krieg gegen die Taliban militärisch nicht zu lösen ist, schließt er mit ihnen und den warlords einen Pakt und teilt sich die Gewinne aus dem Öl- und Gasgeschäft.

Die Mohnfelder bedecken die Täler am Hindukusch.

Schon Monate vor dem Abschluss der Gespräche haben die Taliban die letzten verbliebenen Mitglieder der UNICEF und der NGO´s im Fussballstadion von Kabul gekreuzigt und angezündet.

Die Zange ist nun gebildet, um Iran zu packen. Zum Angriff wird geblasen;

die US-Truppen marschieren auf in Bagdad und Herat.

Es herrscht Ausgangssperre.

Der russische Bär erwacht aus seinem Winterschlaf und schüttelt Bomben aus seinem Fell.

200.000 Soldaten fallen am ersten Tag der Schlacht in den Schneewüsten unterhalb des Damavand, einem erloschenen Vulkan, unweit von Teheran.

Der Hafen von Abadan steht in Flammen.

Gewaltige Feuerbälle explodieren über den Raffinerien.

Eine aus einem israelischen U-Boot abgefeuerte Atomrakete explodiert an einem warmen Maitag in einer Höhe von zwei Kilometern über dem Zentrum von Teheran und lässt augenblicklich alles zu schwarzem Staub zerfallen.

Der Bündnisfall tritt ein. NATO-Divisionen ertrinken in den reissenden Fluten der Gletscher, welche durch russische Atombomben geschmolzen sind.

China schickt zwei Millionen Soldaten.

Durch den Zusammenbruch des Dollars als Leitwährung im Frühjahr 2010 und nach einer gescheiterten Währungsreform, bricht die EU auseinander.

Die Schlagbäume fallen.

Der Preiswucher führt in den folgenden Monaten zu Revolten in den europäischen Metropolen. Banken werden gestürmt und Supermärkte geplündert.

Die Pläne zur Niederschlagung von Aufständen werden aus den Schubladen geholt, welche Innenminister Wolfgang Schäuble in enger Zusammenarbeit mit der Bundeswehr, der Polizei und dem BND entwickelt hat.

Auf dem ehemaligen Werksgelände von Opel und auf den leeren Containerumschlagterminals werden erste provisorische Internierungslager errichtet.

Regengüsse prasseln auf die Dächer der Wellblechbaracken.

Aufgedunsene Leichen treiben durch die Hafenkanäle.

Die Paranoia wächst.

Verdächtige werden durch paramilitärische Einheiten an den Backsteinwänden der verfallenen Wohnblöcke in der HafenCity erschossen.

In den Sielen unter dem Asphalt der Innenstadt haben sich die “Rebellen” versammelt.

Die Waffen werden gezählt.

Es sind die Partisanen der “Anarcho Antihumanistischen Gesellschaft” - jene, die in den Stahlbetonhöhlen ihre Versammlungen abhalten.

Plakatfetzen hängen von den Wänden

Der Geruch verbrannten Gummis weht über die Plätze.

Schwarze Rauchsäulen steigen in den grau-braunen Himmel auf.

2009